Ria Hellichten

Leseprobe aus Kapitel V.

 

Clio hatte kaum drei Stunden geschlafen, als ein schrilles Geräusch die Stille durchbrach. Es war ein piepsender Ton und er schmerzte in ihren Ohren. Clio vergrub den Kopf tief im Kissen, aber es half nichts. Sie öffnete die Augen und sah sich im Zimmer um, das im Morgendämmern schwach erleuchtet war. Ein Blick auf den Wecker: noch nicht mal sieben Uhr. Der Ton war immer noch da. Dann wurde es ihr plötzlich klar: Die Müllabfuhr! Panisch strich sie sich die Haare aus der Stirn und stolperte aus dem Bett. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Vermutung. Clio hielt einen Moment lang inne, aber als die Schrecksekunde vorüber war, rannte sie barfuß die Treppe herunter und durch die Diele in die Auffahrt, wo sie gerade noch sah, wie das Müllauto langsam davonrollte. Wie in Trance ging sie zur grünen Mülltonne herüber, die an der Straße stand. Ungläubig starrte sie in den leeren Behälter, dann stieß sie kaum hörbar ein verzweifeltes Lachen aus. Was tat sie hier draußen – im Müll wühlen? Noch dazu im Morgenmantel? Die Nacht steckte ihr in den Knochen und ein pochender Schmerz hinter ihren Schläfen erinnerte sie daran. Sie fröstelte.

Und dann begannen die Gedanken zu kreisen. Wäre sie es Vincent nicht schuldig gewesen, den Brief zumindest zu lesen? So lange hatte sie darauf gewartet, noch einmal von ihm zu hören! Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich manchmal gefragt, was aus ihm geworden war, aber die Frage schmerzte und so hatte sie dieses Kapitel ihrer Jugend zu den Akten gelegt, wie so manch andere Gelegenheit in ihrem Leben. Jetzt war auch diese Chance vertan und sie würde niemals erfahren, was Vincent ihr sagen wollte.

„Suchst du das hier?“, ertönte eine vertraute Stimme von der Haustür.

Erschrocken drehte sie sich um und sah in Lindas sorgenvolle Augen. Ihre Freundin lehnte im Türrahmen und winkte mit dem braunen Umschlag. Clio fühlte sich ertappt. Erst jetzt fiel ihr das Auto der Haushälterin auf, das in der Einfahrt parkte.

„Was ... machst du schon hier?“, stotterte sie und rieb sich die Stirn. Sie konnte nicht einmal sagen, ob ihre Scham echt oder gespielt war. Das war jetzt auch nicht mehr wichtig, denn nun würde Linda nicht locker lassen, ehe sie alles erfahren hatte - so oder so.

Linda seufzte. „Komm. Na, komm schon wieder rein. Du erkältest dich ja!“

Wortlos folgte Clio ihr ins Haus. Linda legte ihr die Hand auf die Schulter und bugsierte sie aufs Sofa, wo sie auch den Brief ablegte.

„Ich mache dir erstmal einen warmen Kakao. Und du rührst dich nicht von der Stelle, verstanden?“

Clio sah ihr sprachlos nach, als sie in die Küche ging. Sie wagte nicht, auf den Umschlag zu sehen, der neben ihr lag – nur einen Handgriff entfernt.

„Linda?“, rief sie schließlich.

Ihre Freundin sah über die Schulter: „Ja, Kleine?“

„Lieber einen Kaffee, bitte.“

Clio mühte sich ein schwaches Lächeln ab. Dabei hatte sie unbewusst den Kopf ein Stück gedreht und nun war der Brief wieder in ihr Sichtfeld gerückt. Aus dem Augenwinkel konnte sie ihn erspähen, er sah schon ein bisschen lädiert aus vom langen Weg, den er hinter sich hatte. War er nicht eigentlich reeller als alle Albträume, die sie heute Nacht gequält hatten? Seufzend sah sie auf den ungeöffneten Umschlag. Ihr war jetzt klar, dass es nur einen Weg gab, die Sache aus der Welt zu schaffen: Sie musste den Brief lesen. Und vielleicht würde sich sein Schrecken im Licht der schwarz-weißen Fakten so schnell auflösen wie ein Nachtmahr bei Tagesanbruch.